Fußball: Die Schule fürs Leben

Vereinspolitik: Erfolg auch ohne viel Geld

Vereinspolitik: Nicht nur das Thema in der „Wettkampflosen Zeit“, oder bei den stattfindenen Jahreshauptversammlungen. Es ist DER Schlüssel und die Basis für die davon abzuleitenden Massnahmen und für einen langfristigen Erfolg.

Im letzten Blog haben wir über die Lebenssituation der Spieler gesprochen und was Spieler wirklich wollen, speziell (aber nicht nur) Kinder und Jugendliche. Siehe dazu auch die Beiträge „KLASSE KERL“ und „TORE„.

Die Zusammenfassung im Überblick:

Ganz besonders im Fußball-Sport werden Eigenschaften vermittelt, die auch im „normalen“ Leben gefordert werden, aber bei weitem nicht mehr selbstverständlich sind:

Gruppenverhalten (Einordnen, Führen durch positives Vorbild, Helfen,…)

Respekt (gegenüber Mit- und Gegenspieler, Schiedsrichter, Trainer,…)

Disziplin (Pünktlichkeit, Ordnung, Anerkennung von Regeln, …)

Willensschulung (Wegstecken von Niederlagen, Nicht aufgeben, Lernen wollen,…)

Flexibilität (Übernahme neuer Aufgaben,…)

Der Verein selber wird deswegen immer mehr zu einer sozialen Institution, ohne darauf vorbereitet zu sein (Struktur, Organisation, finanzielle Mittel,…). Gleichzeitig wächst bei Spielern, Mitgliedern und Fans das Anspruchsdenken, ohne sich selber engagieren zu wollen.

Konsequenzen und Ausrichtung

In dieser Situation (immer höhere Ansprüche der Spieler, hoher Bedarf an ausgebildeten Trainern , finanzielle Engpässe,…) gefangen, kann es gerade für Amateur-Vereine nur einen Weg geben, nämlich

• Anstreben von sportlichem Erfolg, aber nicht um jeden Preis.

Investitionen in die Jugendarbeit mit qualifizierten Betreuern und Trainern (statt Bezahlung von teuren „Legionären“, die von Verein zu Verein ziehen).

Kein zu hoher Leistungsdruck gerade im Kinder-/Jugendbereich.

Verbesserung der Infrastruktur (Sportstätten, Vereinsheim, etc.)

Die Bausteine für den langfristigen Erfolg eines Vereines

Wie schon beschrieben wollen Spieler – egal welchen Alters und egal in welcher Spielklasse – gefordert, gefördert und respektvoll behandelt werden, und suchen gleichzeitig Erfolgserlebnisse und Spaß mit Gleichgesinnten.

Wie sollten Vereine darauf reagieren, wie bringt man die beiden gegensätzlichen Anforderungen der Spieler (Erfolg und Spaß) unter einen Hut, und wie erreicht man nachhaltigen Erfolg?

Nur das Anbieten von „Spaß-Veranstaltungen“ alleine reicht nicht aus. Sowohl bei Über- als auch Unterforderung der Spieler sinkt ihre entsprechende Motivation und die Vereinstreue lässt nach.
Suchen Vereine aber den sportlichen Erfolg „ohne Rücksicht auf Verluste“, kann dies meistens nur über viel Geld und hohen Leistungsdruck erreicht werden. Die Konsequenzen daraus sind:

• Der Verein muss ständig viel Geld bereitstellen um für „Legionäre“ attraktiv zu sein und um über einen breiten Spielerkader) den Konkurrenzdruck hoch zu halten.Bei „Versiegen der Geldquellen“ und/oder fehlendem Erfolg sind Spieler schneller weg, als sie gekommen sind.

Eigene Nachwuchsspieler werden vergrault, weil „bezahlte“ ihren Platz besetzen.

• Bei Misserfolg droht oft der Absturz ins Bodenlose: Gelder von Sponsoren und Zuschauern fehlen, „bezahlte“ Spieler verlassen den Verein, nur noch wenige eigene, loyale und leistungsfähige/-willige Spieler vorhanden.

Alternativen zu einem kurzfristigen (und hauptsächlich über Geld gesteuerten) Erfolgsdenken und entsprechende Vorgehensweisen

• Erkennen der eigenen (des Vereines) Identität, Wurzeln, Stärken und Möglichkeiten

• Entwickeln einer eigenständigen Philosophie (für was steht der Verein) und eines entsprechenden Leitbildes

Konzentration auf eigene Ressourcen (speziell eigener Nachwuchs)!!

Vermeiden von finanziellen Abenteuern und Abhängigkeiten

• Setzen von ehrgeizigen, aber realistischen Zielen

• Schaffen eines attraktiven Umfeldes (Infrastruktur, …) und einer Atmosphäre, in der sich die Spieler wohl fühlen.

Teamgeist im Verein: Alle unterschiedlichen Interessengruppen (z.B. Fans, Vorstand, Sponsoren, Spieler, Mitglieder,..) identifizieren sich mit der Vereins-Philosophie und den gesetzten Zielen

Hoher Fokus auf die Besetzung von Trainer-Positionen, ganz speziell im Jugend-Bereich. Dabei ist neben der fachlichen Kompetenz vor allem eine entsprechende Qualität in Menschenführung Grundvoraussetzung! Denken Sie daran: „Guter Trainer = Gute Mannschaft!“. Siehe dazu auch meine Artikel „Als Trainer Vorbild sein“ und „Es gibt nichts Schöneres

Ich hoffe, dass diese Anregungen helfen, „das Schiff auf Kurs“ zu bringen, über die Definition eines begeisternden Leitbildes für einen Verein sprechen wir in der nächsten Woche.

Und hier erfahren Sie noch mehr über „weltmeisterliche Strategie“ (nicht nur „auf dem Platz“) und was man von unserer „MANNSCHAFT“ lernen kann.

8 Gedanken über “Vereinspolitik: Erfolg auch ohne viel Geld

  1. Erwin Häcker

    diesen Artikel sollte eigentlich jeder Verein an die Schwarze Tafel hängen und jeder Vorstand, Trainer und Betreuer und Spieler lesen und zu „Herzen“ nehmen.

    Nur habe ich Bedenken, weil auf Grund der Ehrenamtlichkeit dies nicht zum Umsetzen ist, bzw. die „richtigen“ Leute fehlen.

    Mit sportlichen Grüßen

    Erwin Häcker
    Inhaber vom Sport- und Event Reiseveranstalter 1a reisen

  2. Udo Voigtländer

    Gute Analyse von Ihnen!
    „Suchen Vereine aber den sportlichen Erfolg „ohne Rücksicht auf Verluste“, kann dies meistens nur über viel Geld und hohen Leistungsdruck erreicht werden. Die Konsequenzen daraus sind:
    • Der Verein muss ständig viel Geld bereitstellen um für „Legionäre“ attraktiv zu sein
    • Eigene Nachwuchsspieler werden vergrault (teilweise bei hertha BSC)
    Beide obigen Punkte treffen voll auf den HSV zu – und das Ergebnis sehen wir jetzt. Wenn dort nicht vollkommen umgedacht wird, ist es spätestens nach der folgenden Saison geschehen.

    Schalke scheint mit der langfristigen Bindung weiterer talentierter Nachwuchskräfte (Friedrich, Platte) und einem neuen Trainer, der aus Wenig, Mehr machen kann (Paderborn!) sowie dem Abschieben von Störfaktoren/ Spielern auf einem hoffnungsvollen Weg. Wenn alles funktioniert und alle gesund bleiben, könnte das Mittelfeld Draxler, Goretzka, Meyer bald auch selbiges in der „Mannschaft“ bilden.

  3. Andreas Kitzing

    Das Erkennen der eigenen Identität, Wurzeln, Stärken und Möglichkeiten und die Ableitung eines Leitbilds, das konsequent gelebt wird, hat dann langfristig auch wieder positive finanzielle Auswirkungen.
    Ein unklar positionierter Verein, der eine „Legionärs-Mannschaft“ mit geringem Identifikations-Potenzial beschäftigt, ist für Sponsoren wesentlich weniger attraktiv als ein Verein, bei dem klar ist, wofür er steht. Positive Beispiele sind zum Beispiel der BVB (jung, titel-hungrig), der SC Freiburg (regional verwurzelt, Jugendarbeit) oder der FC St. Pauli (links, alternativ, „Kiez-Club“).
    Solche Vereine ziehen dann auch Spieler und Verantwortliche an, die sich mit dem Image des Vereins identifizieren und dafür sogar finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Andreas Rettig hat beispielsweise das „finanziell mit Abstand unattraktivste“ Angebot angenommen, weil er Lust auf die Aufgabe FC St. Pauli hat.
    Auch wenn die Beispiele sich auf den Profisport beschränken, gilt das gleiche natürlich auch für den Amateursport.
    Sportliche Grüße aus Hamburg von Sponsoo, dem Sport-Sponsoring-Marktplatz für den Breitensport,
    Andreas Kitzing

    1. Ernst Holzmann Beitrags Autor

      Besser hätte ich es bzgl. den Auswirkungen auf potentielle Sponsoring-Partner nicht beschreiben können! Und speziell der SC Freiburg scheint mit den aktuellen Neuverpflichtungen seiner Linie („Jugend forscht“, Ausbildungsverein,…) treu zu bleiben. Dies wird sich meiner Meinung nach auch in der neuen Saison in sportlicher Sicht (direkter Wiederaufstieg) auszahlen, auch weil das komplette Führungsteam (Ch.Streich als Trainer und Identifikationsfigur!) zusammengeblieben ist.

  4. Pingback: Leitbild eines Vereines als starker Anker - Ernst Holzmann´s Blog

  5. Gerd Thomas

    Freiburg ist sicher DER Vorzeigeclub im Profifußball. Mit dem intelligentesten Trainer, der neben Grips auch noch Haltung hat (siehe PK zu Flüchtlingen und AFD). St. Pauli ist auf einem sehr interessanten Weg, auch da sind gute Leute am Werk. Am Ende hat sich in der letzten Saison aber nicht Freiburg sondern der Kühne-Club durchgesetzt und die Liga gehalten. Unter recht mysteriösen Umständen, wie ich finde. Warum die Dilettanten vom Volkspark noch mitspielen dürfen, weiß außer der DFL eh keiner. Sie verstoßen im Prinzip gegen alle Regeln und machen sich m. E. seit geraumer Zeit der Konkursverschleppung schuldig.
    Leider ist dieses Verhalten aus dem Profi-Zirkus auch im Amateurfußball gang und gäbe.

    Man fragt sich zunehmend, woher die Kohle bei einigen Vereinen kommt. Es gibt Clubs, die kaufen sich ganze Jugendteams, anstatt selbst anständige Nachwuchsarbeit zu betreiben. Andere zahlen selbst in der Kreisliga Sieg- und Trainingsprämien. In der KREISLIGA!!! Wieder andere holen sich mit großen Versprechungen riesige Kader zusammen und bezahlen ihre Spieler dann ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nicht mehr. Da kaum ein Spieler einen gültigen Vertrag besitzt (warum wohl?), hat auch keiner Rechtsanspruch. Da wir davon ausgehen dürfen, dass bei den klassischen Amateuren fast alles an der Sozialversicherung, Berufsgenossenschaft und Steuer vorbei geht, fragt man sich natürlich, was für Geld da im Spiel ist.

    Übrigens steht auf Antrag des FC Internationale – und mit über 90 % Ja-Stimmen der Berliner Vereine abgesegnet – in der Präambel der Jugendordnung des Berliner Fußballverbandes niedergeschrieben, dass Geldzahlungen an Jugendspieler verboten sind. Und jetzt melden sich bitte alle ambitionierten Clubs, die sich daran halten!

    Doch was passiert eigentlich, wenn der Hauptsponsor ausfällt? Mahnende Beispiele gibt es zuhauf, nicht zuletzt in der Hauptstadt. Wenn man sich so umhört, müssten wir in fünf Jahren in Berlin mindestens 15 Profivereine haben. Die Ambitionen und Methoden sind bei allen dieselben. Mit viel Geld schnell nach oben. Es ist aber auch in der Berlin-Liga und dem NOFV-Bereich so, dass in der Regel nur ein Verein pro Saison aufsteigen kann.

    Lieber Ernst, ich kann dir nur vollstens zustimmen. Gleichwohl hält sich meine Hoffnung in Grenzen, dass du von allzu vielen erhört wirst. Der Trend geht eher in eine andere Richtung. Hat aber auch was Gutes, denn so können sich innovative Konzepte abseits des Mainstreams leichter durchsetzen. Wir arbeiten dran.

    Herzlichst, Gerd

    1. Ernst Holzmann Beitrags Autor

      Lieber Gerd,
      vielen Dank für Deine Gedanken und Beobachtungen, die ich voll und ganz teile! Um sich in diesem „Haifischbecken“ zu behaupten, ist „Anstand“ bestimmt nicht die wichtigste Eigenschaft, vielleicht auch schon nicht mehr in der Kreisliga. Am Schluss muss jeder für sich selbst entscheiden, wie und mit welchen Mitteln er oder sie da mitspielen möchte. Manchen geht es nur um Profilierung und Selbstdarstellung, um die schnelle „Kohle“ und um größtmöglichen Erfolg, koste dieser was er wolle. Anderen (so wie Dir) ist es wichtiger, mit jungen Menschen zu arbeiten (auch als „Lehrer“ für die Schule des Lebens), Spass zu haben, an dem was man tut und sich nicht verbiegen zu müssen. Und wie Du schon geschrieben hast: Mainstream kann jeder. Die Kunst sind die „5 A´s“. Alles Anders Als Alle Anderen….
      Ich wünsche Dir dabei alles Gute und viel Erfolg!
      Ernst

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